Renaissanceprüfofen Sebald Mattighofers
Das Haus Nr. 27 in
der Radniční-Gasse wurde zum ersten Mal an der Wende der Jahre
1993/94 archäologisch untersucht (Archäologische
Untersuchung des Hauses Nr. 27 in der Radniční-Gasse). Die
gewonnenen Kollektionen von Funden stammen aus dem 15. und 16.
Jahrhundert. Sie enthalten auch zahlreiche Bruchstücke technischer
Keramik - Tiegel. Bei einigen ist ihr Zusammenhang mit der
NE-Metallurgie ersichtlich. Der interessanteste Fund stammt aus dem
Keller des Hauses. In der Kulturschicht, die Funde aus dem 16.
Jahrhundert enthielt, wurden hier außer Bruchstücken von
Renaissanceofenkacheln auch Teile einer Anlage gefunden, deren
genaue Form und Gesamtaussehen es erst dank anspruchsvoller Arbeit
der Restauratoren gelang zu rekonstruieren.
Die Basis der Anlage ist ein 48 cm hoher hohler Zylinder mit einem Durchmesser von 30 cm, mit vollem Boden und offener Mündung, aus Töpferton hergestellt. Zwei plastische Ringe an der Innenwand teilen ihn in drei gleich hohe Teile. Der untere Ring trägt Abdrücke eines Rostes, auf den oberen wurde eine runde Platte gelegt. Eine große längliche Öffnung in der Stirnwand des Zylinders verbindet den unteren und mittleren Teil der Anlage. Am Boden des unteren Teils sind kleine runde Öffnungen. An den oberen Teil der Außenseite des Zylinders sind 4 halbzylindrische "Schornsteine", die aus dem mittleren Teil führen, und ein kleiner Ausguss geklebt.
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Dieser übertragbare keramische Ofen diente zur Wärmebehandlung der Rohstoffe. Der Process des Brennens verlief im mittleren Teil, wohin auf den Rost Holz oder Holzkohle angelegt wurden. In den unteren Teil fiel die Asche. Zum Anlegen und Auskehren der Asche diente die große längliche Öffnung in der Stirnwand, die zu verdecken war. Durch runde Öffnungen am Boden, an die Bälge gefügt werden konnten, strömte frische Lunft in den unteren Teil. Sie stieg hinauf durch den Rost, darüber wurde sie auf die notwendige Temperatur aufgewärmt, sie stieß auf den Boden der den mittleren und oberen Teil des Ofens trennenden Platte und dann ging sie durch die Schornsteine entlang des oberen Teils hinaus. Der Ofen hatte einen guten Zug, der ermöglichte auch sehr hohe Temperaturen zu erreichen. Die Abgase ableitenden Schornsteine ermöglichten eine gute vertikale Strömung der Luft und noch dazu erwärmten sie den oberen Teil des Ofens von den Seiten. Durch deren Verdeckung oder Abdeckung konnte die Strömung der Luft geregelt werden.
Die Anfänge des Abbaus und der Bearbeitung der Erze der Nichteisenmetalle reichen in der Region Český Krumlov in die Zeit um das Jahr 1300 herum (Gold und Silber im Mittelalter der Region Český Krumlov). Die letzte Blütezeit der Bergbauaktivitäten in den hiesigen silber- und goldführenden Vorkommen fällt in die 70er Jahre des 15. bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts mit einem Gipfel in den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts. Mit der Bearbeitung der Erze hing eine Reihe spezialisierter Berufe zusammen (Goldscheider, Silberbrenner u. ä.). Diese Spezialisten kamen nach Český Krumlov aus deutschsprachigen Ländern. Unter anderen erscheint in den Quellen auch der Name des Nürnbergers Sebald Matighofer, den am 29. Dezember 1521 der damalige rosenbergische Herrscher Peter IV. von Rosenberg zum Silberbrenner und Prüfer der Edelmetalle für die Krumauer Bergwerke ernannte. Sebald wirkte in Český Krumlov auch als Bergbeamter und Unternehmer. Im Jahr 1540 kaufte er das heutige Haus Nr. 27 in der Radniční-Gasse, wo er dann bis zu seinem Tod am Ende der sechziger Jahre lebte. Im Jahr 1569, kurz nach seinem Tod, verkaufte sein Sohn Christof (Beamter und später Münzmeister der Budweiser Kaisermünze), das Haus dem Schuster Wolf Pils. Sebald Matighofer war im 16. Jahrhundert unter den Hausbesitzern der einzige, der in seinem Beruf eine so spezialisierte Anlage benutzen konnte, wie der gefundene Ofen ist.
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Was machte Sebald Matighofer eigentlich? Was schreiben über seine
Arbeit seine Zeitgenossen, Autoren bekannter Abhandlungen über
Bergbau, Hüttenwesen und Prüfen Georgius Agricola (1556) und
Lazarus Ercker (1574)? Über das Prüfen schreibt Agricola: "Denn um
das abgebaute Erz mit Gewinn zu schmelzen und durch die Entfernung
der Schlacke davon reine Metalle auszuschmelzen, lohnt es sich
zuerst die Erze zu prüfen. Die Hüttenarbeiter erkennen aus einem
solchen Versuch, ob das Erz Metall enthält oder nichts, oder ob es
uns Spuren eines oder mehrerer Metalle und wieviel zeigt;
schließlich auch, wie man die vom Metall durchdrungenen Teile eines
bestimmten Erzes von tauben und reiche von armen trennen kann.
Gewonnene Metalle prüfen wir, um zu erfahren, welche Menge Silber
ein Zentner Kupfer oder Blei enthält, oder wieviel Gold es in einem
Pfund Silber gibt. Und umgekehrt wieviel Blei und Kupfer ein
Zentner Silber enthält oder wieviel Silber es in einem Pfund Gold
gibt. Ein solcher Versuch lehrt weiter, ob die Münzen wertvoll oder
entwertet sind, und beweist, ob die Münzenhersteller mehr Silber
zum Gold zusetzten als zulässig, oder ob sie mit Gold oder Silber
mehr Kupfer verschmolzen, als es richtig ist. Das Prüfen von Erzen
unterscheidet sich vom Schmelzen der Erze nur in einer kleineren
Menge des benutzten Stoffes; denn durch das Schmelzen einer
kleineren Menge erkennen wir, ob uns das Schmelzen einer größeren
Menge zum Nutzen oder zum Schaden sein wird. Denn, wenn die
Hüttenarbeiter dieser Weise der Untersuchung keine solche Pflege
widmen würden, würden sie aus Erzen Metalle manchmal mit Schäden,
manchmal ohne allen Gewinn abbauen. Prüfen können wir ja Erze mit
geringen Unkosten, abbauen jedoch nur mit großen". Ercker schreibt:
"Das Prüfwesen ist eine vornehme alte Kunst, vor langen Zeiten
durch die Alchemie erfunden, gleich wie die anderen Arbeiten mit
Feuer, durch die wir nicht nur über den Charakter jedes Erzes und
jeder Art Gestein und welche von den Metallen sie enthalten lernen
können, sondern es lehrt auch jedes Metall an sich zu untersuchen,
ob ein Zusatz nötig ist, ob gar und wieviel davon sein soll und
dann, wie die Metalle von solchen Zusätzen zu reinigen und in
echte, reine und aller Zusätze lose zu trennen".
Beide Autoren beschreiben ausführlich auch "die einzelnen Sachen, die bei der Prüferarbeit notwendig sind, anfangend mit Prüföfen". Die können, wie Agricola schreibt, "rund, oder viereckig, aus Ziegeln, Eisen oder aus Lehm" sein. Sie hatten drei Abteilungen, die untere, mittlere und obere, im Inneren dann eine eiserne Platte mit Öffnungen, durch die "entweder die Asche der verbrannten Kohle fällt, oder die Luft geht, die in den Raum unter der Platte durch die Öffnungen in den Wänden kommt und so das Feuer schürt. Weshalb die Chemiker diesen Ofen, den die Hüttenarbeiter wegen Gebrauch zum Prüfen Prüfofen nennen, Windofen nennen. Öfen aus Ziegeln sind fest, tönerne und eiserne lassen sich von Ort zu Ort übertragen. Gemauerte sind schneller zu errichten, eiserne sind fester, tönerne sind bequemer". Auch Ercker kennt eiserne, tönerne und Ziegelprüfofen, die in drei übereinander liegende Räume geteilt sind, die "auf den Seiten Luftlöcher und vorne eine Mündung" hatten. Der Prüfer soll nach ihm unter anderem wissen, "um selbst alle seine Öfen und Werkzeug machen und geschickt zum Gebrauch vorbereiten zu können, oder um mindestens richtig angeben zu können, wie sie zu machen sind". Agricola sowie Ercker beschreiben außer den Prüföfen auch einige weitere ähnliche Anlagen. Fast alle haben den gleichen grundlegenden Bau wie der Ofen aus dem Haus Nr. 27. Sie sind vertikal in drei Teile geteilt - Im mittleren wird geheizt, in den unteren fällt durch einen Rost die Asche und von außen strömt die Luft und im oberen (manchmal auch in dem mittleren) verläuft der eigentliche technologische Prozess.
Der gefundene Ofen ist ein einzigartig erhaltener Rest des Inventars der Werkstatt des Silberbrenners und Prüfers Sebald Matighofer, die in seinem Haus in der Radniční-Gasse irgendwann zwischen den Jahren 1540 und 1569 existierte. Der Ofen wurde als Stückware auf konkrete Bestellung und nach genauen Instruktionen (Zeichnungen) wahrscheinlich von einem der Krumauer Töpfer hergestellt. Ähnliche Öfen dienten jedoch auch bei der Bearbeitung einer Reihe weiterer Rohstoffe - beim Schmelzen von Letternmetall oder bei der Destillation von Schnaps. Die Menge der Abbildungen ähnlicher Anlagen, genannt "athanor", finden wir auch in der alchemistischen Literatur, wo wir auch die nächste Analogie zu unserem Fund fanden.
Wie Ercker schreibt, wurden "viele Prüföfen danach hergestellt, woran der Prüfer gewöhnt ist, einen solchen braucht er auch". Und wie gelangten seine Teile in den Keller des Hauses? Zweifellos warf sie hierher einer der weiteren Besitzer des Hauses Nr. 27 weg wie unbrauchbaren Kram. Vielleicht war es gleich der Nächste, Wolf Pils. Wozu würde ja der Prüfofen einem Schuster dienen?
(me)
Weitere Informationen :
Archäologische
Untersuchungen in der Stadt Český Krumlov
Archäologische
Untersuchung der mittelalterlichen Stadt Český Krumlov
Geschichte
des Bergbaus in der Stadt Český Krumlov
Burg Český
Krumlov, Silberhütte aus der Wende vom 13. zum 14.
Jahrhundert
Geschichte
des Bergbaus in der Region Český Krumlov






